I
Schmidt und Mäxchen haben den jugoslawischen Hotelier Allewisch erschlagen. Wegen ein paar Edelsteinen. Jetzt liegt er in der Wohnung der Prostituierten Ingrid Fahle. Die holt Karl Schleich, Einbruchsspezialist und Zuhälter. Fahle und Schleich glauben nicht an den Mord. Zusammen wickeln sie Allewisch in einen Teppich und transportieren ihn in eine Hütte im Wald. Dort unternehmen sie alles, um ihn ins Leben zurückzuholen. Sie versorgen den Erschlagenen, decken ihn mit Pelzen zu, hantieren mit medizinischem Gerät, reiben Pulver im Mörser und lesen ihm stundenlang alle möglichen Texte vor – zur Anregung des beschädigten Gehirns. Während die Täter auf der Flucht sich in einem Hotelzimmer in Barcelona zerstreiten, trägt die sechswöchige Schwerstarbeit des Zuhälters und der Prostituierten Früchte. Der Erschlagene kehrt ins Leben zurück. Fahle und Schleich hat die Zusammenarbeit einander nähergebracht.
"Keiner ist alleine schlau genug"
Soweit in kurzen Worten eine längere Geschichte von Alexander Kluge, die auch als Episode in seinem Film „Die Macht der Gefühle“1 zu finden ist. „Abbau eines Verbrechens durch Kooperation“ lautet ihr Titel. Der Begriff der Kooperation scheint hochgegriffen angesichts des spontanen, nicht überlegten und von einem nahezu naiven Kinderglauben getragenen Ineinandergreifens des jeweiligen Tuns der beiden. Das ist Absicht. Denn Kluge unterläuft bewusst die Vorstellung von Kooperation als eines intendierten und geplanten gemeinsamen Handelns zweier oder mehrerer souveräner Partner*innen. Kooperation, sagt Kluges Erzählung, ist aus der Not geboren und findet unter nicht frei gewählten Bedingungen statt. Dass sie dennoch funktioniert liegt daran, dass sie auf ein Vermögen vertrauen kann, das die Absichten und Direktiven des „zänkischen Gehirns“ außer Kraft setzt. Unterhalb des Verstands wirkt ein subdominantes Bewusstsein von der ständigen Kooperation aller Sinne, Gefühle und Erinnerungen, nicht nur des Einzelnen, sondern ganzer Generationen, die in ihm gegenwärtig sind. Es durchquert und überschreitet die festumrissenen Grenzen des Individuums und verbündet sich mit anderen, fremden Kooperationsvermögen. Die kooperierenden Gefühle, Sinne und Erinnerungen wissen: „Keiner ist alleine schlau genug“ . Dass es dies auf seine Autonomie pochende Individuum einsieht, braucht es das „Urvertrauen“ in dieses Kooperationsvermögen. Es ist ein historisch-anthropologisches Vermögen, gleichsam ein Stück NaturGeschichte, das sich in den Subjekten niedergeschlagen hat.
Obgleich es den wenigsten bekannt ist, ist Kluge von der zukünftigen Notwendigkeit dieser Fähigkeit zum kooperativen Verhalten überzeugt: „Kooperatives Verhalten, im Produktionsprozess immer mehr notwendig, ist in den Beziehungen zwischen den Menschen noch immer die Ausnahme. Die Regel ist Konkurrenzverhalten. Es ist kein Zufall, dass sich kooperatives Verhalten zunächst oft da entwickelt, wo Menschen asozial handeln und jetzt den Folgen dieses Handelns entgehen müssen. Das ändert nichts daran, dass Kooperation eine Haupttugend jedes künftigen sozialen Verhaltens sein wird.“
„Kooperatives Verhalten, im Produktionsprozess immer mehr notwendig, ist in den Beziehungen zwischen den Menschen noch immer die Ausnahme. Die Regel ist Konkurrenzverhalten.
II
Als Netzwerkgesellschaft bezeichnet der spanische Soziologe Manuel Castells die neue soziale Struktur des globalisierten (Finanz)Kapitalismus. Netzwerke mit Strömen von Kapital, digitaler Information und technologischem Know-how setzen überkommene nationalstaatliche Lenkungsprozeduren außer Kraft und entscheiden gleichsam selbstregulativ über die Verteilung von Ressourcen, Erträgen und gesellschaftlicher Teilhabe. Mit Blick auf die Frage der Kooperation konstatiert Castells ein neues Stadium der Arbeitsteilung: „Der Arbeitsprozess wird [... zunehmend individualisiert, die Arbeit wird [...] in ihre Bestandteile zerlegt und am Ende durch eine Vielzahl zusammenhängender Aufgaben an verschiedenen Standorten neu integriert. Damit wird der Boden für eine neue Arbeitsteilung bereitet, die auf den Eigenschaften und Fähigkeiten jeder einzelnen Arbeitskraft beruht und nicht mehr auf der Organisation der Arbeitsschritte.“ Der Verlust des kollektiven Charakters von Arbeit und ihre zunehmende Individualisierung markieren den Horizont, in dem alle Versuche zu kooperieren heute stehen. Sie sind notwendig, um Isolation, Einsamkeit und ausschließlicher Spezialisierung zu entgehen. Denn ‚Individualisierung‘ in der Netzwerkgesellschaft meint nicht die freie Entfaltung der Kräfte des Einzelnen, wie es die Ideologie des Neoliberalismus vorgaukelt, sondern Austrockung des (Zusammen)Lebens, soziale Verarmung und Marginalisierung, kurz: gesellschaftliche Not. Kooperation soll diese Not wenden.
Wie kann man sich diese Wendung durch Kooperation vorstellen? Mit Sicherheit nicht als Rückwendung hin zu vermeintlich ursprünglichen Zuständen eines gemeinsamen Lebens und Arbeitens. Diese Wendung betreiben die Propagandisten fundamentalistischer Gemeinschaften mit großem Geschick. Not wendende Kooperation muss ansetzen an den vorgefundenen, nicht frei gewählten Bedingungen, unter denen sie stattfindet. Zu den Charakteristika der Netzwerkgesellschaft gehören nach Castells die Ersetzung des ‚Raums der Orte‘ durch den ‚Raum der Ströme‘ und die Entzeitlichung der Zeit. Die Durchdringung und Deterritorialisierung von Städten, Regionen und Ländern durch die Dynamik des globalisierten Kapitalismus führt zur Aufzehrung des Lokalen durch das Globale, die ubiquitäre Gleichzeitigkeit der Operationen in den Netzwerken zu einer ‚zeitlosen Zeit‘ . Hier sind die Ansatzstellen der Kooperation. Sie muss darauf gerichtet sein, Zeit zu gewinnen und sich Platz zu verschaffen.
III
Anstrengungen zur Kooperation gibt es im Bereich des Theaters auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlicher Reichweite. Da sind die Theaterfusionen, die durch gemeinsame Nutzung oder Zusammenlegung von Werkstätten und Verwaltung und/oder den Austausch von Produktionen Kosten sparen sollen. Weiter gibt es die Kooperation zwischen freien Gruppen und festen Häusern im Projekt Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes, das Bündnis der Produktionshäuser der freien Szene und vielfältige Weisen von Kooperationen im Rahmen von Festivals. Und darüber hinaus die Kooperation derer, die in Forschung, Lehre und Vermittlung tätig sind, die Kooperation der Theaterinstitute und Theaterverbände, national und transnational.
Nicht zuletzt ist Kooperation ein Thema in der künstlerischen Praxis selbst.
Nicht zuletzt ist Kooperation ein Thema in der künstlerischen Praxis selbst. Für den Journalisten und Autor Mark Terkessidis ist sie deren Gravitationszentrum. Aus der amerikanischen Kunst- und Performanceszene herkommend bevorzugt Terkessidis den Begriff der Kollaboration und spricht von einer kollaborativen Kunst. Terkessidis fokussiert dafür nahezu ausschließlich auf partizipative Projekte mit nichtprofessionellen Akteur*innen. Das ist eine aktuelle Perspektive, über die aber nicht vergessen werden sollte, dass jede Theaterarbeit durch Kooperation zustande kommt. Schauspieler*innen, Bühnenbild, Kostüme, Maske, Licht, Dramaturgie und Regie arbeiten zusammen – in der Praxis allerdings zumeist nur in eingeschränkter Weise durch die unumstößliche Hierarchie und festgelegte Aufgabenverteilung der Stadttheater. Sie abzubauen und zu überschreiten wäre die Voraussetzung einer wahrhaft kooperativen Theaterkunst und für alle Kooperationen im Theaterbereich. Sie braucht die Gleichberechtigung aller Beteiligten.
Gleichberechtigung der zusammenarbeitenden Partner*innen ist unabdingbar für gelingende Kooperation – in der künstlerischen Praxis ebenso wie in der Zusammenarbeit von Theaterhäusern, Gruppen, Instituten und Verbänden. Gleichberechtigung in der Zusammenarbeit lässt sich jedoch nicht abstrakt, durch juristische Regelungen allein, herstellen. Das Scheitern des Mitbestimmungsmodells im Schauspiel Frankfurt in den siebziger Jahren zeigt, wie die abstrakte Regelung von Organisationsfragen zum Dauerstreit über deren Auslegung führt, weil sie absieht vom „Eigensinn“ der kooperierenden Personen und Institutionen. Rechtliche Regelungen zur Organisation von Gleichberechtigung in der Kooperation sind nötig, bleiben aber wirkungslos, wenn sie nicht unterfüttert und getragen sind vom Zusammenspiel der Kooperationsvermögen, das sich aus dem „Eigensinn“ der beteiligten Partner*innen speist. „Eigensinn“, ein wichtiges Vermögen bei Alexander Kluge, markiert das Potenzial an Widerstand gegen die Pläne des abstrahierenden Verstands und die Gebote moralischer Überforderung. Um Gleichberechtigung in der Zusammenarbeit nicht nur als vorgesetzte Norm, sondern als Ingredienz der kooperativen Praxis selbst zu verankern, empfiehlt es sich, wechselseitig mehr (über) den Eigensinn der Beteiligten zu erfahren.
Eigensinn ist das historisch gewordene Reservoir des Kooperationsvermögens. Nicht wahrgenommen, verdrängt oder von Vernunftgründen überstimmt, kann es sein Potenzial nicht wie erforderlich ausspielen. Um es in vollem Umfang zu nutzen, ist eine Blickwendung der Kooperationspartner*innen nötig.
Eigensinn erfahren meint nicht die Konfrontation mit dem trotzigen Beharren auf vermeintlich eigenen Positionen und Überzeugungen, sondern das Gewahrwerden des Geflechts aus Sinnen, Wünschen, Geschichten, Begehren, Scheitern, Fluchten, Auswegen und dem Gedächtnis von Generationen, das unterhalb der Imago des Individuums und des Selbstbilds von Institutionen auf Kooperation im Innern und nach Außen sinnt. Eigensinn ist das historisch gewordene Reservoir des Kooperationsvermögens. Nicht wahrgenommen, verdrängt oder von Vernunftgründen überstimmt, kann es sein Potenzial nicht wie erforderlich ausspielen. Um es in vollem Umfang zu nutzen, ist eine Blickwendung der Kooperationspartner*innen nötig. Weg von den hehren Absichten, Zielen und Willensbekundungen einer möglichen Zusammenarbeit hin zu dem unbekannten, fremden Vermögen innerhalb der eigenen Person und Institution. Dabei ist ein bewusst vorgenommenes Verfahren hilfreich, das man in Anlehnung an Brecht und sein Konzept der Historisierung als Praxis einer Selbsthistorisierung bezeichnen kann. Die Selbsthistorisierung von kooperierenden Personen und Institutionen setzt den Termindruck der Tagesordnung zeitweise außer Kraft und stellt den Ablauf der Geschäfte, business as usual, infrage. Sie ermöglicht einen fremden Blick auf das gegenwärtige Tun und die Motive, Wege und Irrwege, die dazu geführt haben. Selbsthistorisierung von Personen und Institutionen macht sie zu Fremden für sich und die anderen. Als solche nehmen sie sich selbst und die Partner*innen in bislang nicht gewohnter Weise wahr. Bar ihrer Selbstbilder, die Konsistenz und Integrität versprechen, sind sie den anderen gegenüber ausgesetzt. In dieser gegenseitigen Aussetzung, ein Zustand der Inaktivität und des Geschehenlassens, wächst die Achtsamkeit für den Eigensinn der Kooperationsvermögen. Aus diesem Zustand wächst die Achtsamkeit für den anderen. Achtsamkeit für den anderen, die aus der Erfahrung eigener Fremdheit und Aussetzung stammt, ist das Fluidum, das dann von den Kooperierenden ausgeht. Es schafft jene für Kooperationen unabdingbare Atmosphäre, in der die Kooperationsvermögen aktiv werden können.
IV
Zeit zu gewinnen und sich Platz zu verschaffen haben wir als die vorrangigen strategischen Ziele der Kooperation in der Netzwerkgesellschaft genannt, um der „Furie des Verschwindens“ von Zeit und Räumen auf nicht fundamentalistische Weise entgegenzuwirken. Die Selbsthistorisierung der Kooperierenden ist ein wichtiges Verfahren, um in der zeitlosen Zeit der Netzwerkgesellschaft Zeit (wieder) zu gewinnen. Dabei wird die Selbsthistorisierung nicht bei sich stehenbleiben, sondern ihre ganze Lebenswelt in den historisierenden Blick nehmen. Diese (Blick)Wendung zur Geschichte und ihre Wiederholung und Aneignung in der Selbsthistorisierung wie generell in der Historisierung der Gegenwart schafft eine Zeitreserve gegenüber dem Zwang, stets gleichzeitig mit allem und up to date zu sein. Zeit des Innehaltens und Nachdenkens, Zeit des Ausprobierens und der Versuche, Zeit des (Über)Lebens. Die Wendung zur Geschichte hat nicht Restauration der Vergangenheit im Sinn, sondern die Umwendung (Re-volution) der Gegenwart.
Die (Selbst)Historisierungen, die die Kooperierenden vornehmen, schafft Räume, die die Gegenwart mit der Vergangenheit verbinden. In ihnen verräumlicht sich die Zeit und wird RaumZeit. Die Kooperierenden sollten diese Räume nicht als selbstverständlich hinnehmen, sondern sie als solche ausstellen, benennen und vervielfältigen. Was zunächst dem Austausch und der Selbstverständigung auf gemeinsamen Plattformen und Foren dient, kann als Modell genommen werden für eine Vielzahl von Projekten, die sich über die Praxis der Historisierung Zeit und gemeinsame Räume (wieder) aneignen wollen.
Gemeinsame Räume, die gleichsam im Rücken der Netzwerkgesellschaft entstehen, sind gleichwohl von der Dynamik der Globalisierung nicht ausgenommen. Sie unterliegen deren Auswirkungen in finanzieller, kommunikationstechnologischer und rechtlicher Hinsicht.
Um ihnen nicht ausgeliefert zu sein, gilt es, sich möglichen internationalen Kooperationspartner*innen zuzuwenden, um den globalen Strömen mit der konkreten Mobilität von Personen, Institutionen und Projekten zu begegnen. Das heißt die qua Historisierung gewonnenen Räume abermals zu erweitern, neuen Platz zu schaffen. Das lässt sich durch die Einrichtung von Räumen bewerkstelligen, in denen das Ortsgebundene in seiner Geschichtlichkeit sich geschnitten sieht von grenzüberschreitenden transnationalen Bewegungen der Netzwerkgesellschaft ebenso wie von internationalen Partnerschaften. In diesen Räumen tritt das Lokale in eine Konstellation mit dem Globalen, wird die Gegenwart von Geschichte durchkreuzt. Es sind sinnlich erfahrbare transkulturelle Räume, die sich hier als Alternative zu den abstrakten Räumen der globalen Ströme auftun oder, mit Alexander Kluge gesprochen, „Gärten der Kooperation“ .
Gärten der Kooperation zu schaffen wäre die Aufgabe der vielfältigen Kooperationen im Bereich des Theaters. Das würde bedeuten über die jeweiligen Ziele der Zusammenarbeit, über Projekttitel und Inhalte von Veranstaltungen und über die fertigen Inszenierungen hinausgehend die Räume und die Zeit der Kooperation hervorzuheben und auszustellen. Das Kreieren von transkulturellen Räumen und RaumZeit im Prozess der Kooperation ist deren eigentliche Hervorbringung. Die einzelnen Pflanzen blühen nur in den Gärten der Kooperation.
1 Alexander Kluge: Abbau eines Verbrechens durch Kooperation. In: Alexander Kluge: Chronik der Gefühle Bd. II, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2014, S. 930–937. Alexander Kluge: Die Macht der Gefühle. Film von 1983.
2 Alexander Kluge: Die Patriotin. Film von 1979.
Frank Zappa Born in Baltimore, Maryland, on December 21, 1940, Frank Zappa was largely a self-taught musician, whose 30-year career embraced a wide variety of musical genres, encompassing rock, jazz, synth and symphonies. Avant-garde composers, as well as math and chemistry from his father's work, all fell into Zappa's mix of influences and comprised his unique approach to his art, coupled with a flouting of convention. Zappa also directed films, designed album covers and spoke about social issues. Although his unconventional aspect often overshadowed his brilliance, Zappa is highly respected as a musical pioneer. He died from prostate cancer on December 4, 1993, at age 52.